Mehr als jeder zweite Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren blickt hinsichtlich seiner Ausbildungs- und Berufschancen skeptisch (42 %) oder sogar pessimistisch (10%) in die Zukunft. Mehr als jeder dritte Jugendliche (39 %) macht sich große Sorgen darüber, ob er oder sie einen Ausbildungsplatz oder einen festen Arbeitsplatz bekommt. Diese pessimistische Einschätzung ist bei Jugendlichen mit einfacher Schulbildung besonders deutlich ausgeprägt: Bei den Jugendlichen mit Hauptschulbildung sind es 66 %, die ihre berufliche Zukunft skeptisch oder negativ einschätzen. Das sind nur drei Ergebnisse aus einer repräsentativen Befragung von Jugendlichen in Deutschland zwischen 14 und 20 Jahren im Sommer 2005.

Mehr als vier Fünftel der Jugendlichen (82 %) sind sich durchaus bewusst, dass der Schulabschluss, den jemand hat, über die Chancen auf einen Ausbildungsplatz entscheidet und in dieser Konkurrenzsituation Hauptschüler/innen besonders benachteiligt sind. Damit bestätigt die repräsentative Untersuchung das, was die Jugendlichen an der Hauptschule Hiltrup ebenfalls zum Ausdruck bringen, wenn Mann/Frau sich mit ihnen unterhält. Sie sehen ihre Situation realistisch und nicht sehr hoffnungsvoll. Aber und das ist wichtig, jeder und jede von ihnen geht mit dieser Hauptschüler/innen-Realität, die ihre eigene ist, etwas anders um. Da gibt es die hilflosen Pessimisten, die skeptischen Realisten und die Hoffnungsvollen, die einfach „trotzdem“ sagen. Jedoch, noch wichtiger als solche Typisierungen sind die individuellen Unterschiede; denn in jedem einzelnen Menschen mit seinem Eigensinn schlummert der Wille, irgendetwas Positives aus sich zu machen, auch wenn es schwerfällt.

Davon geht auch die Diplom-Sozialpädagogin aus. Für sie macht daher der persönliche Umgang mit den Jugendlichen den Kern ihrer Arbeit aus. Ihr ist bewusst und sie achtet darauf, dass Jungen und Mädchen zwar gleichwertig sind, sich aber im Verhalten und Denken, in ihren oft kleinen Alltagsbedürfnissen, in ihrem Selbstverständnis sowie in ihrer körperlichen und seelischen Entwicklung stark voneinander unterscheiden.

Im persönlichen Umgang mit der Diplom-Sozialpädagogin über mehrere Jahre hinweg, beginnend mit der 5. Klasse und systematisch seit der 8. Jahrgangsstufe, gewinnen die Jugendlichen einen Zugang zu ihren eigenen Möglichkeiten. Darauf beruhen die Erfolge des „Hiltruper Modells“. Darauf beruht es auch, dass sämtliche Schüler/innen der Hauptschule Hiltrup regelmäßig einen Einstieg in die Berufsausbildung oder in einen weiterführenden Bildungsweg finden. Im Jahre 2006 sind das 92 Jungen und Mädchen gewesen.

Allein dieser quantitative Erfolg würde angesichts der kritischen Situation von Hauptschüler/innen den besonderen pädagogischen und organisatorischen Aufwand lohnen, der in den vorausgegangenen Kapiteln beschrieben worden ist. Diesen Aufwand fasst die Diplom-Sozialpädagogin knapp zusammen, wenn sie sagt: “Ich betreue in den Klassen 8–10 jeden der etwa 200 Schüler/innen individuell. Wir erarbeiten einen Berufswahlfahrplan, sodass keiner unsere Schule verlässt, ohne eine realistische Perspektive zu haben.“

In diesem kurzen Statement ist aber auch noch ein anderer Erfolg enthalten. Der lässt sich folgendermaßen beschreiben. Angeregt durch die mehrjährige sozialpädagogische Begleitung während ihrer Hauptschulzeit haben die Jungen und Mädchen schließlich ihre Persönlichkeit weiterentwickelt. Jeder oder jede von ihnen hat sich Selbstständigkeit und Selbstvertrauen angeeignet und gelernt, die realen Chancen auf dem Ausbildungsmarkt wahrzunehmen. Davon hatten die meisten von ihnen in der 8. Klasse noch gar keine Vorstellung besessen.

Das heißt, sie haben durch ihren pubertären Entwicklungsprozess hindurch zu einem sich selbst stabilisierenden und kontrollierenden Verhalten gefunden. Das damit verbundene Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein kommt immer dann zur Sprache, wenn die Jugendlichen danach gefragt werden. In den Berichten der örtlichen Presse und in einer Radiosendung, die Schüler/innen für Schüler/innen gemacht haben, kommt das zum Ausdruck (Von der Radiosendung ist eine CD erhältlich). Anschaulich wird in den Presseartikeln über die seit mehreren Jahren gelingende Zusammenarbeit im Netzwerk des „Hiltruper Modells“ berichtet. Daraus geht hervor, dass die Diplom-Sozialpädagogin nicht nur mit den Schüler/n/innen „einfach so“ arbeitet. Vielmehr handelt es sich bei dem, was sie tut, wirklich um soziale, das heißt kooperative Arbeit „auf gleicher Augenhöhe“. Das sehen auch die Schüler/innen so. In der von vier Schüler/innen in einem Medienprojekt erarbeiteten Radiosendung über das „Hiltruper Modell“ sprechen Schüler/innen und ehemalige Schüler/innen darüber, wie sie begleitet von der Diplom-Sozialpädagogin gelernt haben, sich auf die eigenen Kräfte zu besinnen und aus eigener Anstrengung Wege in den Beruf zu suchen und zu finden.

Getreu dem Motto „die Lage ist schlecht, aber wir machen was draus“, lassen sich aus der Sicht der Schüler/innen und ehemaligen Schüler/innen die Erfolge des „Hiltruper Modells“ und die Gründe dafür folgendermaßen skizzieren.

Vor allem sind es die Übermittagsbetreuung, die Bewerbungstrainings und die Schülerbetriebspraktika, die ihnen helfen, ihre Schulleistungen auf das erforderliche Niveau zu bringen und ihre Wunschberufe zu finden. Dazu gehören Kauffrau im Einzelhandel, Zahnmedizinische Fachangestellte, Medizinische Fachangestellte, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Zweiradmechaniker, Elektroniker – Energie- und Gebäudetechnik, KFZ-Mechatroniker u. a. m. Wobei sich für die Jugendlichen im Nachhinein die Berufsausbildung keineswegs als leichter Spaziergang darstellt. So manch einer muss da auch „durch den Scheuersack gehen“, wie es in einem der Gespräche drastisch heißt. Als wichtig genannt werden auch die besonderen Veranstaltungen außerhalb der Schule, seien es die Besuche im Berufsinformationszentrum (BIZ), das Projekt „Find a Job“, die Teilnahme am „Girls Day“, am Berufsforum, das alle zwei Jahre an der Hauptschule stattfindet, oder der Ferienkurs „Bewerben per Computer“. Die Gründe für den Erfolg dieser den Unterricht ergänzenden Aktivitäten sind vielfältig.

In ihrer Radiosendung loben die Schüler ebenso wie die Schüler innen diese Aktivitäten sowohl wegen ihrer Attraktivität als auch „weil sie einem wirklich was bringen“.

Über den „Girls Day“ in den Werkstätten eines privaten Bildungsträgers war in der Zeitung zu lesen, dass die Mädchen mit Quast, Zollstock und Kleister hantierten und weiter: „Die Mädchen nutzten das Angebot, waren engagiert dabei und schufen am Donnerstag vormittag eine beeindruckend perfekt tapezierte Wand.“ Daraus spricht: Auch Mädchen können Maler und Lackierinnen werden!

Das Anregende des Berufsforums besteht darin, dass „ein Markt der Möglichkeiten“ angeboten wird. Hier begegnen die Schüler und Schülerinnen Experten der Berufsausbildung aus verschiedenen Berufsbereichen und Organisationen von Angesicht zu Angesicht. In Frage und Antwort haben die Schüler und Schülerinnen es mit lebendigen Personen zu tun, die sie nicht schon kennen, und bei denen sie bewusst zuhören müssen, um die Informationen mitzubekommen, die sie zur Erfüllung ihrer Erkundungsaufgaben benötigen. Sie bekommen aber auch praktische Einblicke in einzelne Berufe oder erleben, wie in einer Firma ein Bewerbungsgespräch abläuft.

Bei diesen und anderen den Unterricht ergänzenden außerschulischen Aktivitäten ist für die Schüler/innen nach eigener Aussage die Begleitung durch die Diplom-Sozialpädagogin von ausschlaggebender Bedeutung. Sie wird als Vertrauensperson gesehen, repräsentiert aber auch gleichzeitig die Ernsthaftigkeit des gemeinsamen Tuns. Ein ehemaliger Schüler erinnert sich daran, dass die Diplom-Sozialpädagogin ihn in der Schule immer „ganz schön genervt“ hat und er meint das positiv.

Die Diplom-Sozialpädagogin gilt aber nicht nur als vertrauenswürdig, sondern sie hat offenbar auch das Talent, immer wieder neue Aktivitäten zu erfinden. Aus jüngster Zeit gehört dazu der Ferienkurs (!) „Bewerbungen erstellen – aber richtig“. Der fand in Zusammenarbeit mit dem Leiter des Begegnungshauses 37 Grad in Hiltrup und dem bewährten Berufsberater der Agentur für Arbeit Münster statt. Ein längeres Zitat aus dem entsprechenden Zeitungsbericht macht klar, worin die Attraktion und der Erfolg dieses viertägigen Kurses für die Jugendlichen bestand.

Zunächst wurde „ auf der vom Verein erstellten Homepage www.hiltrupermodell. de nach Ausbildungsplätzen für die Kursteilnehmer gefahndet. Bei einem passenden Angebot konnte dann mithilfe des Computers auch gleich eine Bewerbung mit Lebenslauf und allem, was dazu gehört, geschrieben werden. Ihre Bewerbungstexte hatten die Schüler zuvor bereits selbst erstellt, das war in der Schule schließlich schon geübt worden. Aber bei diesem Projekt wurde jede Bewerbung auch noch einmal kontrolliert, damit keine Fehler die Ausbildungsplatzsuche gefährden. Bei Fragen, von denen es natürlich viele gab, waren die Betreuer sofort zur Stelle, um zu erklären. Auch über Alternativen zur Lehre konnten sich die Schüler informieren. Die Teilnahme habe sich gelohnt, finden die Jugendlichen.“

Auch die Macher/innen der Radiosendung halten alles, was rund um das Sich-Bewerben gekonnt werden muss, für zentral wichtig. So ist es auch zu verstehen, wenn sie sich am Ende ihrer Sendung als Bewerber/innen um einen Ausbildungsplatz präsentieren und selbstbewusst die Bitte hinzufügen, ihnen ihre Bewerbungsunterlagen im Falle einer Ablehnung wieder zurückzuschicken, denn als Schüler/innen stehe ihnen für das Erstellen der Unterlagen nur wenig Geld zur Verfügung.

In der Radiosendung wurden auch ehemalige Schüler/innen interviewt. Eine Zahnmedizinische Fachangestellte und eine Kauffrau im Einzelhandel in Ausbildung sowie ein fertig ausgebildeter und fest angestellter KFZ-Mechatroniker haben gute Erinnerungen an die Zeit, als sie vom „Hiltruper Modell“ unterstützt wurden. Dabei waren die Hilfen ganz unterschiedlich.

Die eine der beiden Frauen hebt die punktuelle Hilfe hervor, die sie wegen ihres Status als Ausländerin benötigte. Obwohl sie sich seinerzeit bereits im Bewerbungsverfahren um die deutsche Staatsangehörigkeit befand, hätte mit ihr kein Ausbildungsvertrag abgeschlossen werden dürfen und ihr wäre die Stelle verloren gegangen. So aber begleitete die Diplom-Sozialpädagogin sie zum Amt für Ausländerangelegenheiten und es wurde eine für sie positive Regelung gefunden. Die andere hebt die Kenntnisse und Fähigkeiten hervor, die sie mithilfe des Hiltruper Modells erworben hat und die sie befähigt haben, sich ihre Stelle selbstständig zu suchen. Wieder anders ist die Geschichte des jungen Mannes mit Migrationshintergrund verlaufen, der von der Förderschule in die 5. Klasse der Hauptschule gekommen war. Sein größtes Dilemma waren seine geringen deutschen Sprachkenntnisse. Er hat daher konsequent während der gesamten Hauptschulzeit die Übermittagsbetreuung besucht und die anderen Angebote des „Hiltruper Modells“ ebenfalls genutzt. Auch nach der Schule hat er die Hilfe der Diplom-Sozialpädagogin in Anspruch genommen. Er ist sich sicher, ohne „Jugendhilfe Direkt“ hätte er es nicht geschafft, seine Ausbildung zu machen und jetzt in seinem Wunschberuf eine richtige Stelle zu haben. Quasi als Dank dafür ist er Mitglied des Vereins „­Jugendhilfe Direkt e.V.“ geworden.

Die pädagogischen Erfolge aus der Sicht jetziger und früherer Schüler/innen werden ergänzt durch die organisatorischen Erfolge. Die ergeben sich aus Äußerungen von Lehrer/innen und des Rektors der Hauptschule. Ausdrücklich hingewiesen wird auf die positiven Auswirkungen der Arbeit von „Jugendhilfe Direkt“ und der Diplom-Sozialpädagogin auf die Schüler/innen und die Lehrerschaft. Die Schule profitiere seit zehn Jahren davon, dass die Diplom-Sozialpädagogin Probleme schnell und unbürokratisch löst und für jeden Schüler und jede Schülerin eine individuelle Lösung findet. Ohne die engagierte Tätigkeit der Diplom-Sozialpädagogin, so eine Lehrerin, wäre sie gar nicht in der Lage, ihren Schüler/innen die Unterstützung zukommen zu lassen, die sie für den Übergang von der Schule in den Beruf benötigen.

Die darin zum Ausdruck kommende Wertschätzung von Reibungslosigkeit und Effektivität in der Zusammenarbeit bestätigt der zuständige Berufsberater der Agentur für Arbeit Münster. Die stabile und leichtgängige Zusammenarbeit mit dem Verein „Jugendhilfe Direkt e.V.“ und der Diplom-Sozialpädagogin, so sein knappes Statement, schafft für ihn die Voraussetzung dafür, das Optimum an Hilfen verfügbar zu machen, die die Agentur für Arbeit für den Einstieg von Hauptschüler/innen in die Arbeitswelt bereithält. Im Einzelnen heißt das, er kann, wenn es erforderlich ist, ohne Zeitverzug direkt mit den Schüler/innen in Verbindung treten. Sei es, um Einzelberatungen durchzuführen oder die Ergebnisse der beruflichen Eignungsuntersuchung durch den Psychologischen Dienst der Agentur für Arbeit durchzusprechen. Auch können die Jugendlichen im Klassenverband oder in Kleingruppen jederzeit darüber informiert werden, wie sich der Ausbildungsmarkt ändert, wie er für sie aktuell aussieht und was zu tun ist, damit ihre Zukunftsplanungen möglichst von Erfolg gekrönt sind. Von der leichtgängigen organisatorischen Zusammenarbeit profitieren nicht zuletzt die Unterstützung der Berufspraktika in der Arbeitswelt und die berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen für diejenigen Jugendlichen, die nach dem Schulabschluss noch keine hinreichende Ausbildungsreife besitzen.

Aber nicht nur aus der Sicht der unmittelbar Beteiligten wird im „­Hiltruper Modell“ erfolgreich gearbeitet. Aus leichter Entfernung betrachtet beruht der Erfolg darauf, dass im „Hiltruper Modell“ ganzheitlich gearbeitet wird. Die Diplom-Sozialpädagogin und der Berufsberater der Agentur für Arbeit Münster realisieren ein ganzheitliches Konzept, in das sämtliche Schüler/innen der Hauptschule Hiltrup einbezogen sind. Nicht nur die schwachen, sondern ebenso die guten Schüler/innen bekommen die bestmöglichen Hilfen und Hinweise, damit sie sich in die Arbeitswelt und die Gesellschaft integrieren können.

Dafür hält die Agentur für Arbeit eine Vielzahl von Instrumenten zur Integration bereit. Dazu gehören Information, Einzelberatung, Vermittlung und Förderung der Schüler/innen. Im Einzelnen geht es um
• die Vermittlung in Ausbildung
• die Vermittlung in berufsvorbereitende Maßnahmen,
• die Vermittlung in weiterführende Schulen,
• die Vermittlung in Arbeit.

Diese Vermittlungs- und damit verbundene Beratungsarbeit der Berufsberatung der Agentur für Arbeit Münster ist ein integraler Bestandteil des in den Kapiteln 3.0 – 3.4 und 4.0 beschriebenen Netzwerks. Das heißt, die Hauptschüler/innen bewegen sich über mehrere Jahre in einem sich selbst tragenden Interaktionsraum, wodurch ihre persönliche Entwicklung und ihre Integration in die Arbeitswelt befördert wird.

Mit der folgenden Abbildung soll die Ganzheitlichkeit des „Hiltruper Modells“ veranschaulicht werden. Schüler/innen, Basispartner und Netzwerkpartner sind in einem aufeinander abgestimmten Kooperationsraum tätig. Weil die Beteiligten das ganzheitliche Konzept bejahen, kann es zwar Unstimmigkeiten zwischen den Partnerinstitutionen geben, die aber lassen sich offen austragen, sodass so gut wie keine Reibungsverluste entstehen.

MZ
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MZ 2. September 2005
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